Sowjetisch-iranischer Freundschaftsvertrag 1921
Der sowjetisch-iranischer Freundschaftsvertrag von 1921 wurde am 26. Februar 1921 in Moskau von Vertretern der sowjetischen und iranischen Regierung unterzeichnet. Der Vertrag sollte die Grundlage der Beziehungen zwischen dem Iran und der Sowjetunion regeln.
Inhaltsverzeichnis |
Inhalt
In dem Vertrag wurde Iran die vollständige territoriale Integrität zugesichert. Alle bisherigen Verträge zwischen Russland und Iran einschließlich des Vertrages von Turkemantschai vom 22. Februar 1828 und des Vertrages von Sankt Petersburg werden aufgehoben. Iran wird neben Russland das Recht eingeräumt, seine Schiffe auf dem Kaspischen Meer mit eigener Flagge und frei zu befahren.
Beide Regierungen verpflichteten sich nach Artikel 5 des Vertrags:
- die Bildung oder Duldung einer Organisation oder Gruppe von Personen, wie immer sie heißen mögen, die feindselige Aktivitäten gegen Russland oder Persien oder Alliierte von Russland unternehmen, auf ihrem Territorium zu unterbinden. Verhindert werden soll auch die Bildung von militärische Verbände oder Armeen mit vergleichbarem Ziel.
- nicht zu erlauben, dass Dritte oder Organisationen, wie immer sie auch heißen mögen, die den Vertragsparteien feindlich gesinnt sind, Gerätschaften zu importieren oder auf dem Transitwege durch das jeweilige Land zu lassen, die gegen die jeweilige Vertragspartei benutzt werden können.
- mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln die Stationierung von Armeen oder militärische Verbänden von Drittländern zu verhindern. Die Stationierung entsprechender militärischer Einheiten würde als Bedrohung der Grenzen, Interessen und Sicherheit des Partnerlandes interpretiert werden.[1]
Von besonderer Bedeutung ist auch Artikel 6:
„Sollte ein Drittstaat versuchen, mit Waffengewalt persisches Territorium widerrechtlich zu besetzen oder sollte der Drittstaat persisches Territorium als Operationsbasis gegen Russland nutzen, oder sollte ein Drittstaat die Grenzen der russischen Föderation oder seiner Alliierter bedrohen, und sollte die persische Regierung nicht in der Lage sein, die Bedrohung nach Aufforderung durch die russische Regierung zu beenden, hat Russland das Recht, in Persien einzumarschieren, um die entsprechenden militärischen Operationen zu seiner Verteidigung zu unternehmen. Russland wird seine Truppen umgehend abziehen, wenn die Bedrohung beseitigt ist.[1]“
Hintergrund
Nach dem Zusammenbruch des zaristischen Russlands und der Machtübernahme der Bolschewiken nach der Oktoberrevolution 1917 mussten die vertraglichen Beziehungen zwischen der Sowjetunion und Iran neu geregelt werden. Der 1907 zwischen Großbritannien und Russland geschlossenen Vertrag von Sankt Petersburg, in dem der Iran zwar Vertragsobjekt aber nicht Vertragspartner war, war von der Sowjetunion als nichtig bezeichnet worden. Großbritannien hatte bereits 1919 im anglo-iranischer Vertrag von 1919 den Versuch unternommen, die Beziehungen zum Iran aus seiner politischen Interessenlage heraus neu zu regeln. Der Vertrag war zwar von der damaligen iranischen Regierung unterzeichnet aber nicht vom Parlament bestätigt worden. Ein ähnliches Schicksal wollten die Sowjets unter allem Umständen vermeiden. Um den vertragslosen Zustand zwischen den beiden Ländern zu ändern, trat man ab 1920 in Verhandlungen ein.
Die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen schienen gegeben. Iran war unter den ersten Ländern, die die neue sowjetische Regierung bereits am 14. Dezember 1917 anerkannt hatte.[2] Am 27. Januar 1918 hatte Trotzky den Vertrag von Sankt Petersburg für „null und nichtig“ erklärt. [3]
Es war Premierminister Hassan Pirnia, der 1920 eine Delegation nach Moskau entsandte, um die Frage der Beziehungen zwischen Iran und der Sowjetunion neu zu regeln. Noch vor der Unterzeichnung des Abkommens konnte die iranischen Unterhändler erreichen, dass
- alle persischen Offiziellen, die von den Sowjets verhaftet worden waren, mit einer Entschuldigung für das erlittene Unrecht freigelassen werden.
- eine Kommission eingerichtet wird, die Entschädigungszahlungen an die betroffenen Iraner festlegt, deren Eigentum im Rahmen der russischen Besatzung Nordirans beschlagnahmt oder beschädigt wurde.
- russische Truppen, die an der persischen Küste des kaspischen Meeres stationiert sind, abziehen und Bandar Anzali geräumt wird.[4]
Die Unterzeichnung des Abkommens fiel in die Regierungszeit Premierministers Seyyed Zia al Din Tabatabai. Der Abschluss des Vertrages führte allerdings nicht zum endgültigen Abzug der russischen Truppen aus dem Norden Irans. Noch waren ja auch britische Truppen im Iran, so dass Russland keine Veranlassung sah, seine Truppen abzuziehen. Nach Abschluss des Vertrages wurde Fjodor Aronowitsch Rotstein Botschafter im Iran. Das Botschaftspersonal wurde auf ca. 100 Personen aufgestockt und in alle größeren Städten wurden russische Konsulate eingerichtet. [5]
Artikel 5 und 6 war eindeutig gegen die Stationierung britischer Truppen im Iran gerichtet, die sich seit Beginn des ersten Weltkriegs im Iran aufhielten, zunächst um die Ölanlagen in Abadan vor deutschen Sabotageakten zu schützen und später, nach der Oktoberrevolution, die Ölregion um Baku erst gegen türkische Angriffe und später gegen die Übernahme durch die sowjetische Regierung zu verteidigen. Das Hauptquartier der britischen Truppen lag in Qazvin. General Ironside war allerdings bereits im Oktober 1920 damit beauftragt worden, die britischen Truppen aus dem Iran nach Baghdad zu verlegen, nachdem sie sich gegen die Übermacht der Roten Armee nicht halten konnten. Die Briten verfolgten nunmehr die Politik, dem sowjetischen Einfluss nicht durch unmittelbare Truppenpräsenz im Iran zu begegnen, sondern durch den Aufbau einer starken iranischen Armee eine Machtübernahme kommunistischer Kräfte zu verhindern.
Am 9. Mai 1921 unterrichtete der britische Botschafter Norman den russischen Botschafter Rotstein, dass die britischen Truppen Qazvin verlassen hätten und vollständig aus dem Iran abziehen würden. Am 19. Mai 1921 bestätigte der russische Militärattaché , dass sich auch die russischen Truppen auf dem Rückzug befänden und die Niederschlagung der Jangali-Bewegung von Mirza Kutschak Khan den iranischen Streitkräften überlassen würde. Am 23. Mai 1921 hatten alle britischen Truppen, ausgenommen eine Einheit im Südwesten Irans das Land verlassen.[6]
Die Unterzeichnung des Abkommens beendete die nach dem Ende des ersten Weltkriegs und dem Zusammenbruch des zaristischen Russlands vorherrschende britische Dominanz im Iran, und führte zu dem von der iranischen Regierung gewünschten Abzug nahezu aller fremden Truppen aus dem Staatsgebiet des Irans.
Literatur
- Mehdiyoun, Kamyar. Ownership of Oil and Gas Resources in the Caspian Sea. The American Journal of International Law. Vol. 94, No. 1 (Januar 2000), S. 179–189.
siehe auch
Einzelnachweise
- ↑ a b Mehdiyoun, Kamyar. Ownership of Oil and Gas Resources in the Caspian Sea. The American Journal of International Law. Vol. 94, No. 1 (Januar 2000), S. 185.
- ↑ Cosroe Chaqueri: The Sovjet Socialist Republic of Iran 1920-1921. University of Pittsburg Pess, 1995, S. 143.
- ↑ Cosroe Chaqueri: The Sovjet Socialist Republic of Iran 1920-1921. University of Pittsburg Pess, 1995, S. 145.
- ↑ Cyrus Ghani: Iran and the rise of Reza Shah. I.B.Tauris, 2000, S. 109.
- ↑ Cyrus Ghani: Iran and the rise of Reza Shah. I.B.Tauris, 2000, S. 210.
- ↑ Cyrus Ghani: Iran and the rise of Reza Shah. I.B.Tauris, 2000, S. 211.