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Kofferwort

Ein Kofferwort ist ein Kunstwort, das aus mindestens zwei Wortsegmenten besteht, die zu einem inhaltlich neuen Begriff verschmolzen sind. Geläufige Synonyme sind: Portmanteau-Wort, Blend, Wortkreuzung und mot-valise.[1] Der Vorgang, durch den Kofferwörter entstehen, wird in der Wortbildungsmorphologie als Amalgamierung oder Kontamination bezeichnet.

Beispiele: Teuro (teuer + Euro), Motel (Motor + Hotel), Datei (Daten + Kartei), Transistor (engl. transfer + resistor), Demokratur (Demokratie + Diktatur), Smog (Smoke + Fog), Brunch (Breakfast + Lunch).

In Lewis Carrolls Geschichte Alice im Wunderland wurde ein zusammengesetztes Wort mit einem Handkoffer verglichen – und Kofferwort entstand (englisches Wort für Handkoffer: portmanteau, abgeleitet vom französischen Wort portemanteau). In einem Koffer versammelt man unterschiedliche Gegenstände, in einem Kofferwort ganz entsprechend Teile von Wörtern – und fügt mit ihnen auch die Bedeutungen zusammen.

Etwa 70 Jahre nach Lewis Carroll schuf James Joyce in seinem Spätwerk Finnegans Wake Tausende von Portmanteaus. Auch das experimentelle Sprachwerk Fa:m’ Ahniesgwow des deutschen Autors Hans G Helms benutzt fast durchgängig die Portmanteau-Technik. Im Titel seines Romans Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch übersteigerte Michael Ende 1989 ein Portmanteau humorvoll.

Inhaltsverzeichnis

Abgrenzung von anderen Wortbildungsarten

Man kann das Kofferwort als eine Form der Abkürzung oder der Kurzwortbildung betrachten; diese Wortbildungsarten stellen Kurzformen sowohl von Langformen als auch von Syntagmen dar. Das Kofferwort unterscheidet sich von anderen Formen der Kurzwortbildung dadurch, dass es die Bedeutung der zugrundeliegenden Wörter zu einer neuen Bedeutungseinheit verbindet.

Am ehesten ist das Kofferwort in die Komposita einzuordnen, da es dem Kopulativkompositum sehr ähnelt. Anders als beim Kopulativkompositum, bei dem zwei Begriffe inhaltlich nebeneinander und gleichberechtigt stehen, verschmelzen beim Kofferwort zwei Begriffe inhaltlich zu einem neuen.

Eine Übersicht über dieses Thema bietet der Artikel Wortbildung.

Typisierung

Morphologische Typen

In der sprachwissenschaftlichen Literatur gibt es Einigkeit über folgende morphologische Typen, die allerdings unterschiedlich benannt und erklärt werden und hier zusammengefasst dargestellt bzw. bezeichnet werden:

Lautliche Kompromissbildung

Es wird meist nur ein Vokal geändert wie bei: Dorf + Derp → Derf. Grund für diese sind häufig geographisch-bedingte Bildungen. Sie bilden einen sprachlichen Ausgleich zweier gleichberechtigter Begriffe (Synonyme) in einem mundartlichen Übergangsgebiet.

Haplologische Verkürzung

Eine gemeinsame Lautfolge wird zum gemeinsamen bzw. verbindenden Element wie bei: Hotelführer + Verführer → Hotelverführer. Siehe: Haplologie

Wortüberschneidung

Kofferwörter, die durch eine Wortüberschneidung entstehen, weisen keine gemeinsame Lautfolge auf wie z. B. Mammut + Elefant → Mammufant. Meist entfallen hier dann von einem oder mehr Komponenten Wortsegmente.

Assonanz

Hier erfüllt die Assonanz keinesfalls die sonst übliche rhetorische Funktion, sondern stellt lediglich ein gemeinsames homophones oder homographes Segment dar, das die Ausgangslexeme verbindet.

Semantische Typen

Hans Ulrich Schmid beschreibt in einem Aufsatz von 2003 zehn weitere semantische Typen:

  • Der ikonische Typ weist ein symmetrisches Verhältnis der Hintergrundlexeme auf und ist meist eine kurzsilbige Bildung ohne gemeinsames Segment wie z. B.: Demokratie + Diktatur → Demokratur.
  • Beim charakterisierenden Typus verweist ein Hintergrundlexem auf bestimmte Eigenarten des anderen, z. B.: Schleppen + Laptop → Schlepptop.
  • Beim Beziehungstypus sagt ein Hintergrundlexem aus, in welcher Beziehung das andere gültig ist, z. B.: Schach + Sachverstand → Schachverstand.
  • Beim kausalen, finalen bzw. konsekutiven Typus löst ein Hintergrundlexem semantisch das andere aus, z. B.: slim + Gymnastik → Slimnastik – Hier löst Gymnastik die Schlankheit aus.
  • Beim pleonastischen Typus sind die Hintergrundlexeme synonym, z. B.: Bulle + Polizist → Bullizist.
  • Beim antonymischen Typus sind die Hintergrundlexeme gegensätzlich, z. B.: Schweiß + Eisheilige → Schweißheilige.
  • Beim kontradiktorischen Typus benennt ein Hintergrundlexem einen Sachverhalt (absichtlich) falsch, z. B.: teuer + Euro → Teuro.
  • Beim metaphorischen Typus stellt das Wortgebilde eine Metaphorik mit der Wirklichkeit her, z. B.: Lust + Luftballon → Lustballon als Bezeichnung für das Kondom.
  • Beim segmentumdeutenden Typus ist im ersten Hintergrundlexem das zweite schon vollständig enthalten. Das so entstandene Wortgebilde besteht dann nur aus einem Segment der beiden Hintergrundlexeme, z. B.: Porno + no → PorNO.
  • Der freie Assoziationstyp ist ein Sprachspiel, das keinen logischen oder sachlichen Zusammenhang zwischen den Hintergrundlexemen aufweist, z. B.: Haarlem als Bezeichnung für einen Friseursalon.

Verwendungsumgebung

Markennamen sind mitunter als Kofferwort konstruiert, z. B. Osram (Osmium und Wolfram), Tesa (Tesmer Elsa) oder Nescafé (Nestlé Café).

Neben den oben erwähnten Autoren James Joyce und Michael Ende arbeiten postmoderne Schriftsteller wie Elfriede Jelinek oder Walter Moers gerne mit dieser Technik.

Nicht zu verwechseln sind diese Bildungen mit den noch häufigeren Kunstwörtern in Form von Initialwörtern. So sind Wortschöpfungen wie Haribo (aus Hans Riegel Bonn), Hertie (aus Hermann Tietz), Adidas (aus Adi Dassler), oder auch Persil (aus Perborat (Natriumperborat) und Silikat (Natriumsilikat) Akronyme und keine Kofferwörter.

Bildungsmotivation

Kofferwörter können aus verschiedenen Gründen gebildet werden. Dies sind beispielsweise:

  • Versprecher
  • nominatives Bedürfnis
  • lautliche Kompromissbildung
  • Wortspiel
  • Gelegenheitsbildung

Siehe auch

Anmerkungen

  1. Das französische mot-valise besitzt zudem aufgrund seiner zusammengesetzten Struktur keine eindeutige begriffliche Substanz und eignet sich gerade deshalb als Behältnis für unterschiedlichste Inhalte.

Literatur

  • Friedrich Maurer: Volkssprache. Abhandlungen über Mundarten und Volkskunde. Zugleich eine Einführung in die neueren Forschungsweisen, Palm & Enke (Fränkische Forschungen 1), Erlangen 1933
  • Walter Henzen: Deutsche Wortbildung, Niemeyer (= Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. B. Ergänzungsreihe Nr. 5), Halle an der Saale, 1947, S. 249–256
  • Irmhild Barz: Die Wortbildung. In: Duden – Die Grammatik 2005. 7., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Herausgegeben von der Dudenredaktion. Mannheim etc. (= Duden 4), S. 641-772.
  • Hannelore Poethe: Wort(bildungs)spiele, in: Irmhild Barz u. a.: Das Wort in Text und Wörterbuch, Hirzel, Stuttgart 2001, S. 23–40, ISBN 978-3-7776-1154-9
  • Hans Ulrich Schmid: Zölibazis Lustballon. Wortverschmelzungen in der deutschen Gegenwartssprache, in: Muttersprache 3 (2003), S. 265–278
  • Hartmut Günther: Kontamination, in: Helmut Glück (Hrsg.): Metzler Lexikon Sprache, Stuttgart 2005, ISBN 3-476-02056-8
  • Hans Altmann, Silke Kemmerling: Wortbildung fürs Examen. Wiesbaden 2005-02, S. 42–44
  • Elke Donalies: Basiswissen Deutsche Wortbildung. Tübingen/Basel 2007

Am Anfang war das Wortspiel (PDF), Dieter W. Halwachs (Graz; 104 kB)
  • Neoklassische Wortbildung (PDF), Anke Lüdeling, Universität Stuttgart (41 kB)
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